Die Entstehung der Textvorlage

 

Warum eine eigene Fassung?

Ich habe mich bewusst dazu entschieden, ein eigenes Theaterstück zu schreiben, da die bereits existierenden Werke zum Beispiel von Schiller oder Shaw sich aufgrund ihrer Textlastigkeit nicht für ein hauptsächlich visuelles Figurentheater eignen. Um eine eigene Textfassung zu schreiben, recherchierte ich nicht nur in Geschichtsbüchern über den hundertjährigen Krieg, sondern auch nach den historisch überlieferten Dokumenten über den Prozess von Jeanne d`Arc, in welchem sie der Ketzerei beschuldigt wurde. Dieser äußerst spannende Einblick in die damalige Zeit vor über fünfhundert Jahren ermöglichte mir eine eigene Auseinandersetzung mit den damaligen Geschehnissen und den beteiligten Personen.

 

 

Wie entstand die Textvorlage?

Die endgültige Textfassung wie auch die Inszenierung als Ganzes ist das Ergebnis eines Prozesses mit vielen Experimenten, Sackgassen, Proben und dauernden Änderungen. Zum einen habe ich, ausgehend von den historischen Dokumenten und Geschichtsbüchern, Textpassagen am Computer geschrieben. Hierbei konnte es passieren, dass ich buchstäblich an jedem Wort feilte. Zum anderen habe ich bei den Proben viele Passagen improvisiert und mit verschiedenen Formulierungen experimentiert, um ein Gefühl für die einzelnen Figuren und ihre Charaktere zu entwickeln. Dabei ging es mir immer darum, keine Geschichtsstunde zu halten, sondern eine spannende Geschichte dramaturgisch zu interpretieren und künstlerisch auszudrücken.

 

 

Dramaturgischer Aufbau

Durch meine Lektüre der historischen Dokumente habe ich einen tiefen Einblick bekommen, wie verschiedene Personen, Ereignisse, militärische und politische Aspekte miteinander zusammenhängen. Um diese Zusammenhänge besser verdeutlichen zu können, erzählt mein Theaterstück die Geschichte in Rückblenden. Besonders wenn Ereignisse und Situationen zeitlich weiter auseinander liegen, aber in einer bestimmten Art und Weise in Bezug zu einander stehen, habe ich sie in dem dramaturgischen Aufbau direkt hintereinander gesetzt.

Zum Beispiel hätte ich den englischen Überfall auf das Heimatdorf von Jeanne, als sie selbst noch klein war, chronologisch als erstes erzählen müssen und ihre Begegnung mit umherirrenden, halb verhungerten Flüchtlingen ungefähr in der Mitte des Stücks. In meiner Interpretation löst die Begegnung mit diesen Flüchtlingen jedoch die Erinnerung an jenen schrecklichen Überfall wieder aus. Diese Erinnerung führt schließlich zu Jeanne`s Entscheidung, weiter gegen die englischen Besatzer zu kämpfen, um das Leid der Menschen in Frankreich zu beenden. Um diesen wichtigen Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen im Theaterstück herzustellen, spiele ich direkt im Anschluss an die Begegnung mit der umherirrenden Familie den Überfall auf ihr Heimatdorf als Rückblende. Dabei geht es mir vor allem darum, durch solche Rückblenden die Gefühlswelt und die Motive der einzelnen Figuren darzustellen.

 

 

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Kommentare: 9
  • #1

    Radu (Dienstag, 17 November 2015 12:00)

    In eine andere Welt, eine andere Zeit versetzt ... ein beeindruckendes Erlebnis!

  • #2

    Richard Heath (Dienstag, 17 November 2015 12:32)

    Lieber Radu,

    dank dir vielmals für deine Rückmeldung. Genau das ist es, was ich beim Lesen der historischen Dokumente empfunden habe, Eintauchen in eine andere Welt. Wie findest du meinen Trailer? In meinem Youtube- Kanal kannst du sehr gerne auch einen Kommentar schreiben.
    Viele Grüße,
    Richard

  • #3

    Babs (Mittwoch, 18 November 2015 13:12)

    Frage: wie kamst Du auf die Idee, dich explizit mit Johanna von Orleans zu beschäftigen? Gab es andere historische Figuren, die Dir eventuell auch als "Thema" hätten dienen können?

  • #4

    Richard (Freitag, 20 November 2015 11:54)

    Liebe Babs,

    vielen Dank für deine Frage. Ich habe mir in den letzten beiden Tagen meinen kreativen
    Prozess noch einmal genau in Erinnerung gerufen, um deine Frage angemessen beantworten zu können.
    Die Wahl eines Themas ist die wichtigste Entscheidung nach meiner Erfahrung, Sie ist auch die schwierigste, denn es gibt eine Unzahl an Themen, welche es alle wert wären, inszeniert zu werden.
    Im Fall meines Theaterstücks über Johanna von Orleans habe ich mir auch Zeit gelassen für einen längeren Suchprozess, in welchem ich andere Themen gefunden und wieder verworfen habe, wie z.B. den ersten Weltkrieg.
    Zunächst hat mich die Zeit des Mittelalters und der Pest sehr interessiert als Sujet,
    da die Pest eine Katastrophe war, in welcher die Menschen damals vor extremen Situationen gestellt waren. In solchen Lagen zeigen sich Menschen bezüglich ihrer Charakter-Eigenschaften anders als im alltäglichen Leben. Dieses Darstellen und künstlerische Untersuchen von menschlichen Verhaltensweisen in Extremsituationen wie der Pest hat meiner Meinung nach ein großes Potential zur dramatischen Inszenierung.
    Da ich in meiner Recherche über die Pest allerdings nicht auf historisch überlieferte Einzelschicksale gestoßen bin, welche ich als dramatische Figuren hätte ausarbeiten können, habe ich weiter nach Persönlichkeiten oder Figuren gesucht, die genügend Material liefern für eine künstlerische Auseinandersetzung. Neben bekannten Namen wie Luther oder Johannes Hus kam ich auf Jeanne d'Arc, da mir in meiner Recherche über das Mittelalter eine Verfilmung von Luc Besson in die Hände fiel. Da ich die Geschichte grob kannte, beschloss ich, den Film anzuschauen und das Thema ob seines dramatischen Potentials auszuloten. Da die Geschichte zentrale Grundkonflikte der beteiligten Protagonisten aufweist, beschloss ich, mir dieses Thema näher zu Gemüte zu führen und mit der eingehenderen Recherche der historisch überlieferten Dokumente zu beginnen.
    Falls du diesbezüglich noch Fragen oder Anmerkunbgen hast, kannst du mir sehr gerne schreiben.
    Viele Grüße,
    Richard

  • #5

    Reni (Dienstag, 24 November 2015)

    Lieber Richard,
    wenn ich nicht Reni wäre, würde ich kurz und bündig fragen: Wie hast Du's mit der Religion?
    Würdest Du wenig toleranten Katholiken den Besuch Deines Stückes empfehlen? Oder ebensolchen Atheisten? Wie ist denn Dein Bezug zur Religion, zur Aufopferung oder zum Einsatz von Gewalt für die Überzeugung? Wenn ich so ein Stück sehe, frage ich mich das natürlich alles. Du warst so schön unparteiisch, aber wie stehst Du denn dazu?

    Und: Die Kombination von Papier (in jeder Form) und Cello fand ich extrem spannend, sehr gute Idee und wunderschöne Figuren hattest Du! (Hoffentlich halten die noch ein paar Vorstellungen aus!)

    Viele Grüße
    Reni

  • #6

    Richard (Dienstag, 01 Dezember 2015 18:28)

    Liebe Reni,

    danke für deine Fragen und dein Lob, welches mich sehr gefreut hat. Papier ist ein tolles Material, welches viele Verarbeitungs- und damit Ausdrucksmöglichkeiten bietet (falten, biegen, zerreißen, darauf Malen oder Zeichnen, etc.). Allerdings sind die Papierfiguren tatsächlich sehr empfindlich und ich werde noch eine zweite Garnitur anfertigen (müssen).
    Ich möchte deine Fragen möglichst differenziert beantworten.
    Zunächst einmal fragst du ja nach meiner Haltung in Bezug auf Religion und nicht bezüglich Glauben. Meine Standpunkt Religion gegenüber ist sehr kritisch, da ich diese als sozial konstruiert betrachte. Dies mag auch daran liegen, dass ich im Studium auch Seminare zur Religions- Soziologie besucht habe, in welcher beispielsweise die Entwicklung in der BRD von Religion im Allgemeinen und kirchlich verfassten Christentum im Speziellen seit den 1950er Jahren thematisiert wurde. So zeigt sich diese Entwicklung stark abhängig von gesellschaftlichen Tendenzen und Umbrüchen. Interessant in diesem Kontext finde ich Luhmann`s Definition von Religion als Reduktion von Weltkomplexität. Damit wäre auch deren Funktion impliziert, welche den jeweiligen Anhängern vorgefertigte Sichtweisen anbietet. Darin sehe ich allerdings eine große Gefahr, wenn diese Sichtweisen dogmatisch absolut gesetzt werden und jegliche Reflektion abgelehnt wird.
    Zu deiner Frage bezüglich wenig toleranten Katholiken oder Atheisten: Grundsätzlich empfehle ich selbstverständlich jedem, sich mein Stück anzusehen ;-)
    Als Erzähler war es mir wichtig, keine eigene Meinung den Zuschauern aufzwingen zu wollen, sondern die verschiedenen Sichtweisen der beteiligten Protagonisten künstlerisch darzustellen. Da ich das Stück selbst geschrieben habe, habe ich trotz meiner vordergründigen Unparteilichkeit inhaltliche Entscheidungen treffen müssen, welche Aspekte der einzelnen Figuren im Stück mehr oder weniger gewichtet werden oder ich gar weglasse. Dies bedeutet, dass ich durchaus Position beziehe, aber wie ein möglichst neutraler, demokratisch gesinnter Erzähler, der jeder Stimme Rechnung trägt (ohne sie gleich selbst zu teilen oder gar gut zu finden). Diesen Ansatz habe ich gewählt, um die unterschiedlichsten Interpretationen und Identifikationen ermöglichen zu können, ganz im Sinne eines polyvalenten Kunstwerks (hier kommt demokratisch und polyvalent überein). Deswegen bin ich auch sehr neugierig, wie verschieden die Leute reagieren und über mein Stück Denken bzw. Reden.
    Zu deiner Frage hinsichtlich meiner Position: Persönlich lehne ich jegliche Anwendung von Gewalt ab, egal zu welchem Zweck. Selbst der Spruch, dass der Zweck die Mittel heilige, ist meiner Ansicht nach eine Ideologie im Sinne eines falschen Bewusstseins (siehe Adorno bzw. Frankfurter Schule). Ideologien sind meiner Meinung nach per definitionem intolerant, da sie ihre Stabilität aus der heteronomen Unterscheidung zu anderen Sichtweisen gewinnen und diese damit prinzipiell ablehnen.
    Überzeugungen, welche Gewalt anwenden, lehne ich ab, da sich darin eine wie auch immer geartete falsche, sprich inhumane Grundeinstellung ausdrückt. Meine neutrale Erzählhaltung soll dementsprechend nicht den ideologischen Anteilen der Protagonisten meines Stückes das Wort reden, sondern den Zuschauer ermuntern, sich selbst Gedanken zu den Themen und dramatischen Konflikten des Stücks zu machen.
    Ob die radikale Haltung von Jeanne hinsichtlich einer militärischen Lösung der englischen Besatzung einer ideologischen Grundhaltung entspricht (wie ich persönlich finde) oder ihre Rechtfertigung aus einer Haltung der Notwehr eines unterdrückten Volkes speist (welches angesichts der Brutalität der Besatzer empathisch nachvollziehbar ist), mag ich gerne mit meinen Zuschauern diskutieren (ich stelle mir gerade ein Gespräch vor zwischen Jeanne d`Arc und Ghandi über die Frage, ob Gewalt ein Mittel sei. Dabei ist es die berühmte Ironie der Geschichte, dass sie beide unter englischer Bsatzung zu leiden gehabt haben).
    Also möchte ich den Ball zurückspielen: Reni, wie stehst du zu deinen Fragen? Ich bin sehr gespannt auf deine Antworten als kritische Zuschauerin und lade selbstverständlich jeden ein, sich an der Diskussion zu beteiligen.
    Viele Grüße,
    Richard

  • #7

    Reni (Sonntag, 06 Dezember 2015 14:05)

    Lieber Richard,

    (Eingeflickte Vorbemerkung: Bitte nicht lesen, wer das Stück noch nicht gesehen hat!)

    vielen Dank für Deine ausführlichen Antworten. Ohne spezielle soziologische, philosophische oder historische Kenntnisse zum Thema versuche ich trotzdem, weiter zu diskutieren:
    Ich neige zu Extremen, kann durchaus den Frust angesichts der komplexen globalen Situation verstehen, der dazu führt, sich einer konstruierten Umgebung namens Religion zu ergeben, die Erklärungen oder Führung verspricht. In Situationen, die uns überfordern, wollen wir gerne jemandem vertrauen und Verantwortung abgeben, auch repräsentative Demokratie funktioniert so. Die Tatsache, dass Religion sich den Verhältnissen anpasst oder konstruiert ist, spricht nicht gegen sie. Wer sich nicht anpasst, geht unter. Aber (siehe Werbung für Beton): Es kommt drauf an, was man draus macht. Will sagen, was die Vorgaben von oben sind.
    Ich muss fast sagen, leider glaube ich nicht, denn Glaube ist die nicht für jeden erfüllbare Vorbedingung zum Beitritt in eine solche Gemeinschaft, die sorgenmindernd und nett sein kann. Nonne werden und nur der Oberin verpflichtet in Ruhe meinen Klostergarten pflegen, entspannt einen mittelmäßig motivierten Kirchenchor leiten, nie die Zeitung lesen, schon gar nicht Politik und Wirtschaft, das alles kann ich abschreiben, auch wenn es mir manchmal reizvoll erscheint.

    Aber auch die natürlich bei mir vorhandene andere Seite widerspräche dem: Kritikloser Gehorsam, die Anerkennung von gegebenen Hierarchien ist auch nicht meine Stärke.

    Zum Thema Gewalt: Besser nicht in die Situation kommen, Entscheidungen treffen zu müssen. Ich bin ein Fan der Neuen Frankfurter Schule, die da eher hemdsärmelig antworten würde. Außerdem bin ich selber tendenziell intolerant, wenn ich eigene Ideologien vertrete, allgemeines Verständnis ist auf die Dauer langweilig, eine gepflegte Auseinandersetzung muss es allerdings sein. Keine Ahnung, wo bei Adorno die Intoleranz anfängt.

    Soweit zu meiner Religiosität und zum Verhältnis zur Gewalt.

    Das Thema Jeanne d'Arc wird heutzutage natürlich nicht nur als Geschichte in historischem Zusammenhang gesehen, wenn sie auf die Bühne kommt, muss man fragen, wie Religion und Politik damals und heute zusammen kommen oder zusammen prallen, auf persönlicher oder höherer Ebene. So ist der Theatergänger jedenfalls gepolt. Das Theater ist kein Museum, sondern eine Befragungsanstalt der Gegenwarts-Probleme.

    Heute morgen sagte jemand im Radio: An der Himmelspforte wird erst mal neutral geprüft, ob der Antragsteller ein anständiges Leben geführt hat. Neutral! Ausgerechnet die Kirche neutral! Das würde ich bezweifeln. Als ich sagte, Du behandelst Jeanne eher neutral, war ich nicht ganz ehrlich. Du bemühst Dich um Neutralität, aber das ist nicht zu schaffen, denke ich, wenn Du die Person begleitest und persönliche Sätze einfügst wie: "Sie ist hungrig, ihr ist kalt, sie ist einsam." (Gegen Anfang?) Und: "Sie ist hungrig, ihr ist kalt, sie ist nicht mehr einsam." (Am Ende) Das klingt nach Trost für die Hauptperson und die ihr geneigten Zuschauer, oder nach Bestätigung, ja, sie hat es richtig gemacht. Alles ok, aber nicht neutral.
    Außerdem sind die Kirchenvertreter auch nicht neutral dargestellt, oder? Die waren übrigens sehr lustig oder sehr bedrohlich, fand ich. Sehr gelungen. Aber nicht neutral.
    Ich fand das Stück sehr schön, so wie es ist, aber ich warte noch auf das nächste Stück, in dem Ghandi oder Sartre noch einen Gastauftritt haben, um andere Aspekte mit reinzubringen. Na, vielleicht bin ich auch eine Liebhaberin der lauten Töne.

    He, mir fällt doch noch eine Leseempfehlung ein: In dem Roman "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski gibt es eine Episode vom Großinquisitor, der den wiederaufgetauchten Jesus abgreift, bevor er zu viel Unruhe stiften kann und eine Auseinandersetzung mit ihm hat, die auch die Gedankengänge des Folterknechts Inquisitor nachvollziehbar machen. Nurmalso, zur weiteren Verwirrung religiöser und moralischer Orientierung.

    Viele Grüße und ich freu mich schon aufs nächste Publikumsgespräch
    Reni

  • #8

    Quiana Stuhr (Donnerstag, 02 Februar 2017 10:09)


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  • #9

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