Der zentrale Konflikt von Jeanne d`Arc

 

Die Vorstellung, dass ein junges, unbedarftes Bauernmädchen eine Stadt befreit, den Thronanwärter zu Krönung geleitet und damit das Ende des hundertjährigen Krieges einläutet, mutet zu unwahrscheinlich an, als dass sie wahr sein könnte. Als ich über diese unglaubliche Geschichte nachdachte, habe ich mich immer mehr gefragt:

Was trieb Jeanne d`Arc an, um all dies zu erreichen und dafür mit dem Leben zu bezahlen?

 

Jeanne, oder Jeannette, wie sie von ihrer Familie genannt wurde, ist zerrissen zwischen ihrem eigenen Glauben und der offiziellen Autorität der katholischen Kirche. Doch warum sollte sich daraus ein Widerspruch ergeben? Einerseits ist ihr Glaube tief im damaligen Volksglauben verwurzelt, welcher auch einige heidnische Wurzeln und Bräuche beinhaltet. Andererseits, und dies ist der katholischen Kirche ein Dorn im Auge, gibt Jeanne an, göttliche Stimmen zu hören, welche direkt von Gott stammen sollen. Was wäre daran überhaupt ketzerisch? Geht es nicht beiden um denselben Gott?

Leider für Jeanne berührt genau diese Frage einen der großen theologischen Streitpunkte des Mittelalters: Gibt es eine direkte Gottesschau? In diesem Streit geht es letztlich auch um die Frage nach der Legitimität und der Existenzberechtigung der katholischen Kirche. Was wäre, wenn es einen direkten Zugang zu Gott gäbe? Wäre die Kirche mit Ihrer ganzen Autorität dann überflüssig?

Es ist leicht zu verstehen, dass die damalige katholische Kirche um Ihrer religiösen und vor allem auch politischen Macht willen niemanden dulden kann, der die offizielle Autorität in Zweifel zieht. Die Stimmen von Jeanne mögen ehrlich und authentisch sein, doch mit ihnen sieht sich Jeanne sehr starken politischen und religiösen Mächten gegenüber, welche diese Stimmen als eine Gefahr ansehen. Umso schlimmer, als Jeanne durch ihren Ruhm im einfachen Volke eine so große Beliebtheit erfährt, dass die Kirche befürchten muss, Jeanne`s direkter Glaube könnte zum Vorbild werden. Die Kirchenmänner, die den Prozess führen, stellen Jeanne unter Druck, ihren angeblich ketzerischen Stimmen ab zu schwören.

Für Jeanne geht es hier um eine Frage der Integrität, denn wenn sie abschwört, verrät sie ihre göttlichen Stimmen. Steht sie ein für ihren persönlichen Glauben und zu ihren Stimmen, droht ihr der Scheiterhaufen als Ketzerin, womit sie auch aus der katholischen Kirche ausgestoßen wäre.

Letztlich entscheidet sie sich dafür, ihre Integrität zu bewahren und stirbt für ihren Glauben. Meiner Meinung nach war sie ein Spielball der politischen und religiösen Mächte, in welche sie verstrickt war. Dass sie trotzdem versucht hat, sich zu behaupten und gegen Unterdrückung und Leid anzugehen, ist auch heute noch beeindruckend.

 

Welche Meinung hast du zu diesem Thema? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar.

Kommentar schreiben

Kommentare: 41
  • #1

    Maverick73 (Mittwoch, 10 Februar 2016 21:43)

    Auch bei Luther war es so ähnlich: als kath. Mönch hatte er direkten Zugang zu den Schriften, etwas was die einfache Bevölkerung nie erreichen konnte. Darin erkannte er, das es Unstimmigkeiten gab zwischen der Schrift und der religiösen Praxis. Er deckte die Missstände auf, wurde von seinen 'Arbeitgebern' bedroht, stand aber letztlich zu seinem Glauben, weil er 'gar nicht anders konnte'! Auch in höchster Gefahr schwebend, wurde sein Leben jedoch gerettet, und er schrieb die Übersetzung der kompletten Schrift, so dass das einfache Volk es auch lesen konnte.

  • #2

    Richard (Donnerstag, 11 Februar 2016 08:27)

    Lieber Maverick73,
    dank dir für deinen interessanten Kommentar. Du hast ganz recht, auch Luther hat aus einem Konflikt bzw. Widerspruch heraus gehandelt und ist dabei konsequent integer geblieben. Ich hatte tatsächlich daran gedacht, mich nach Jeanne d'Arc auch mit
    Luther zu beschäftigen, nicht nur wegen dem anstehenden Luther-Jahr. Bei den Gemeinsamkeiten zwischen Jeanne d'Arc und Luther gibt es auch Unterschiede. Du hast benannt, dass Luther ein gelehrter Mönch war, Jeanne indessen war eine Frau aus dem Volk ohne vegleichbare Bildung. Nichts desto trotz hat sie sich bei ihrem Prozess ebenfalls sehr intelligent verteidigt. Was mich interessieren würde ist der Umstand, dass alle vorherigen Reformer und Kritiker wie z.B. Johannes Hus quasi gescheitert sind und zum Tode verurteilt wurden, Luther jedoch erfolgreich war. Wie siehst du das? Was glaubst du, weshalb Luther erfolgreicher war?
    Viele Grüße
    Richard

  • #3

    Maverick73 (Donnerstag, 18 Februar 2016 12:14)

    Luther hatte den entscheidenden Schutz im richtigen Moment. Es trachteten ihm ja einige nach dem Leben, und wollten ihn entführen/eliminieren. Und dann wurde er tatsächlich entführt! Aber von einem, der ihm Gutes wollte. Dieser ziemlich mächtige Herr versteckte ihn bei sich, und er lebte.
    Zusätzlich zu dieser weltlichen Dimension gibt es aber noch einige geistige, denn es ist schon sehr 'günstig', dass 'die Guten' ihn zuerst entführten, und ihn sozusagen seinen Häschern vor der Nase wegschnappten:
    es war die Art des Glaubens des Luther. Und diese Art des Glaubens war anders als die der Jeanne D'Arc.

    Es war auch nicht so einfach gewesen für das Establishment, Luther rechtmäßig/offiziell zu irgend etwas zu verurteilen, oder konkret ihm irgend eine Ketzerei vorzuwerfen (wie man z.B. bei Jeanne subjektiv gehörte Stimme u.a. einfach als Verrücktheit/Besessenheit), denn Luther gründete seine Thesen und Behauptungen ja solide auf die Bibel, und das Establishment muss sich dem beugen. Hier ist meiner Meinung nach der Schlüssel. Als Gelehrter konnte man Luther so schnell kein A für ein O vormachen, denn er kannte sich in der Schrift aus.

    Und ihre Autorität ist es, vor der die Führungsriege sich zähneknirschend beugen musste.
    Geradeheraus war ihm eigentlich nichts anzuhaben. Daher wurde eben im Geheimen seine Eliminierung geplant.

    Das Vorhaben scheiterte jedoch, weil derjenige, der hinter der Schrift steht (für die Luther so entschieden eingetreten war), der unsichtbar und doch vorhanden und mächtig ist, etwas dagegen hatte. Und Luther lebte.

    Bei Jeanne war es anders. Nach allem, was wir wissen, argumentierte sie nicht vorwiegend aus der Schrift, sondern eher aus dem Bauch heraus. Und diese persönlichen, subjektiven Erfahrungen und Missionen, die sie vermeintlich von Gott erhielt, waren leicht anzweifelbar, eben weil es lediglich subjektive und nicht mit der Schrift untermauerbare Erlebnisse waren. Bei ihrer Behauptung, Gott habe sie gesandt, hatte man es objektiv mit einer Fifty-Fifty Chance zu tun, dass es zutraf. Und bei Fifty-Fifty hat eine Einzelperson gegenüber einer riesigen Institution eher das Nachsehen.

    Visionen waren eben leichter angreifbar, und zusätzlich ist das 'Stimmen-hören' allgemein tatsächlich eine bedenkliche Sache. Obwohl es laut Schrift durchaus möglich ist, etwas von seinem Schöpfer direkt zu hören, ist es im Gegenzug unmöglich, von verstorbenen Menschen, sei es Maria oder von irgendwelchen anderen bereits Verstorbenen (Jeanne hörte u.a. offenbar 'Stimmen' von der 'hl. Margarete' und der 'hl. Katharina') irgendwelche verbalen Äusserungen zu 'hören'. Es wird sogar vor Kommunikation mit den Toten (oder dem Versuch) gewarnt.

    Das sind einige Unterschiede, die ich zwischen Luther und Jeanne auf den ersten Blick sehe.





  • #4

    Richard (Samstag, 20 Februar 2016 00:46)

    Lieber Maverick73,

    dank dir für deine ausführliche und fundierte Antwort. Ich fand es sehr fesselnd, sie zu lesen und werde dir noch genauer antworten. Bis dahin wünsche ich dir ein schönes Wochenende.
    Viele Grüße
    Richard

  • #5

    Richard (Samstag, 27 Februar 2016 17:02)

    Lieber Maverick73,

    ich habe die letzte Woche oft über deine Ausführungen nachgedacht und mir zwischenzeitlich eine Luther-Biographie von einem Horst Herrman besorgt. Ich fand deinen Ansatz spannend, den Unterschied in der rhetorisch geschulten Gelehrsamkeit des Einen und in der Subjektivität der Anderen zu sehen. Bitte korrigiere mich, sollte ich hier falsch liegen.
    In der Biographie habe ich auch einen Abschnitt über sein Studium in Erfurt gefunden, in welchem Herrman schreibt, "Argumentieren, treffliches Handhaben von Logik und Dialektik, vor allem in Schriften, ist Luther's Metier gewesen" (Herrmann: Martin Luther; Eine Biographie. Berlin 2003, S. 50). Dies untermauert in jedem Fall deine These von der fachlichen Unangreifbarkeit Luthers. Deine Bemerkung über die Angreifbarkeit der Stimmen Jeanne d' Arcs im Vergleich dazu ist ein wichtiger Punkt, wenn man nachvollziehen will, warum die Eine auf dem Scheiterhaufen als Ketzerin endete und der Andere nicht nur mit dem Leben davon kam, sondern darüber hinaus auch eine neue Bewegung auslöste.Dies ehe ich unabhängig von der Tatsache, dass Luther auch Glück hatte, wie du schreibst. Zu allem Überfluss hatte Jeanne eben auch Pech, dass der Dauphin wohl ein schwacher und berechnender Charakter gewesen sein muss, der sie im entscheidenden Augenblick im Stich gelassen hat und sie nicht aus der burgundischen Gefangenschaft freikaufte, bervor sie an die Engländer ausgeliefert wurde.
    Nach deinem Kommentar sehe ich mittlerweile mehr Unterschiede zwischen den beiden, was eine theatrale Gegenüberstellung meines Erachtens umso interessanter machen könnte.
    Es würde mich sehr freuen, dich bei einem meiner Aufführungen persönlich begrüßen und uns weiter austauschen zu können.
    Liebe Grüße
    Richard

  • #6

    Maverick73 (Sonntag, 28 Februar 2016 10:09)

    Sola Fide, Sola Scriptura, Sola Cristus, Sola Gratia, Sola Deo Gloria - dies waren ja damals die 5 neuen reformatorischen Ansätze. Und ich sehe hier den entscheidenden Punkt, weswegen es bei Luther sehr nach himmlischem Beistand aussieht.
    Ja, es wäre schön, wenn man sich im Rahmen einer der Aufführungen weiter austauschen könnte. Gruß, M.

  • #7

    Beppo (Samstag, 02 April 2016 21:44)


    Jeanne d' Arc und die Gottesfrage.
    Bei Jeanne d'Arc war die eigene, vermeintliche Sicht: "Ich bin von Gott beauftragt, so, wie es prophezeit ist". Der Mensch hat nicht nur Denkvermögen, seine Psyche (Emotionen - Gedanken) kontrolliert immer, ob er seinen Gedanken weiter nachgehen sollte. Jeanne d' Arc verfolgte offenbar den Gedanken, dass ihr Gott den Auftrag gegeben hatte, Frankreich zu retten. Ihre Selbstsicherheit überzeugte. Ihre Körpersprache, das Produkt ihrer geringen Selbstzweifel hatte ihr das Zepter in die Hand gegeben. Außerdem handelte sie zunächst sehr klug. Wenn sie das zufällig nicht getan hätte, wäre sie nicht bekannt geworden (Wahrscheinlich gab es mehrere Bemühungen. Deren Erfolg und damit deren Bekanntheitsgrad blieb jedoch aus).
    Mit Jeanne d'Arcs Überzeugung, insbesondere ihrem festen Glauben an Gott und seinen Auftrag konnte sie viele Menschen gewinnen. Zusätzlich fühlte sie sich berufen, Frankreich zu retten, was jeder gerne glauben wollte, zudem es eine Prophezeiung gab, dass eine Jungfrau Frankreich retten würde (Man beachte die Worte "Jungfrau" "Frankreich" "retten"). Bei Jeanne d'Arc waren es wohl Könige und Krieger, die ihr u.a. die Emotionen vermittelten, die jedes soziale Wesen sucht, um in solcher Gemeinschaft Anerkennung zu finden. Zusätzlich teilen Gemeinschaften auch Gemeinsinn. Jedermanns aktuelle Aufgabe ist es, sein eigenes Leben zu gestalten und dazu passende Gemeinschaften zu finden. Das war Jeanne D' Arc gut gelungen. Sie gestaltete Kriegsführung im Namen Gottes.
    Es kommt nicht darauf an, ob das Gedankengut einer gewählten Gemeinschaft den bisher bekannten Fakten der Realität folgt. Hinterher ist man vermeintlich schlauer, wie Jeanne d'Arc nach den Verlusten bei Paris zur Kenntnis nehmen musste.
    Feedback oder bei weiterem Interesse: EmailToHim@web.de

  • #8

    Beppo (Freitag, 08 April 2016 20:00)

    Hinterher könnte man schlauer sein, aber das verbietet die Psyche. Ein Review muss zum Urteil "Alles war im Namen Gottes" kommen.

  • #9

    Richard (Freitag, 08 April 2016 20:10)

    Lieber Beppo, ich vdanke dir herzlich für deine beiden Kommentare. Ich finde deine Ausführungen sehr interessanht und freue mich, dass du deine Gedankengänge teilst. Du zeigst, wieviele Facetten das Thema Religion und Jeanne d'Arc hat und aus welchen Perspektiven man es beleuchten kann. Wie würdest du ein solches Review zu der Frage "...im Namen Gottes" für unsere aktuelle Weltsituation beschreiben? Liebe Grüße Richard

  • #10

    Beppo (Montag, 11 April 2016 09:59)

    Glauben bedeutet Macht. Menschen müssen mit ihrer Zeit haushalten, aber sind immer, auch heute noch offen für Fragen nach dem Sinn des Lebens. Damit ist oft Religion verbunden. Dieser Tatsache verdanken heute noch viele Religionen, dass sie einen Machtblock darstellen.
    ".. im Namen Gottes" verleiht auch heute noch jedem Vorhaben Macht. Um Haltungen zu leben und verbreiten brauchen manche den großen Bruder, manche politische Konstellationen, manche Religionsbegriffe, manche innere Stimmen wie "im Namen Allahs', manche ".. im Namen Gottes" .

  • #11

    Beppo (Montag, 11 April 2016 10:37)

    Ergänzen möchte ich noch: ist immer die Stütze einer Gemeinschaft,
    zu der man sich bekannt hat (ggf. als Kind) und auf die man sich beruft,.
    In politischen Gedanken werden Werte, die ihren Ursprung in
    Geschichten zu Gott haben, im Namen der Justiz präsentiert und vorangetrieben.
    MIr fehlt eigentlich der Slogan "Im Namen des Menschen"

  • #12

    Beppo (Montag, 11 April 2016 14:08)

    Zu der mir noch unbekannten Frage, warum Hus gescheitert ist, Luther dagegen erfolgreich war, möchte ich wie schon zu Jeanne d' Arc erwähnt folgendes sagen: Wenn Hus erfolgreicher gewesen wäre, wäre er bekannter. Nicht die spezielle Art des Vorgehenden ist für viele Köpfe relevant, sondern der Erfolg des Vorgehenden. Zum Erfolg gehört zwar auch kluges Handeln, aber auch eine Portion Glück. Und das ist entscheidend!!
    Im Fall Jeanne d' Arc waren die damals vorhandenen Rechtsmittel für ihre Widersacher günstiger als im Fall Luther. Aus meiner Sicht hat das zwar auch mit Texten aus der Bibel zu tun, Luther schaffte es besser, damit die Kleriker in Widersprüche zu verwickeln und damit deren Macht zu zerstreuen.

  • #13

    Beppo (Montag, 11 April 2016 23:33)

    Noch etwas: daß Jeanne d'Arc sich zerissen fühlte, teile ich nicht. Sie sah sehr wohl die großen Meinungsunterschiede zwischen ihrem Denken und dem des Klerusses. Doch ihre vermeintliche Einheit mit Gott stellte sie über den Glauben der Kleriker, die sie zunächst überzeugen wollte.
    Doch es kam anders. Denn der Klerus stellte sich als weltlicher heraus, als sie glauben wollte.

  • #14

    Richard (Sonntag, 24 April 2016 11:48)

    Lieber Beppo,
    vielen Dank für deine erhellenden Kommentare. Ich lese mehrere interessante Themen heraus, die du ansprichst. Du merkst an, dass die Berufung einerseits deutlich kommuniziert wird, um daraus machtpolitische Einflussnahme zu generieren, andererseits dass religiöse Ansichten und Glaubensinhalte sich in der Jurisdiktion materialisiert haben. Gerade letzteres finde ich sehr interessant, darüber nachzudenken. Schließlich würde dies bedeuten, dass direkt nicht mehrberkennbar wäre, aus welcher Tradition sich ein Justiz-System teilweise auch herausgebildet hat. Ist es nicht so, dass rechtsgeschichtlich die Inquisition zwar menschenverachtend war, aber bezüglich ihrer theoretisch- methodischen Verfahren die Rechtsprechung durchaus revolutioniert hat? Damit möchte ich Folter und der Inquisition nicht das Wort reden, sondern nur die geschichtlichen Ursprünge unserer heutigen Rechtsprechung in klerikalen Wurzeln verdeutlichen.
    Bei dem nächsten Kommentar hieße es in Bezug auf Johannes Hus, dass der Zweck die Mittel heilige? D.h., dass der Erfolg entscheidend ist und nicht der Weg? Ich glaube, dass die Art des Weges und der Mittel dennoch das Ergebnis, so gut es an sich sei, auch negativ qualifizieren kann, d.h. im Endeffekt umkehren kann.
    Wegen Jeanne d'Arc: ja, es kann durchaus sein, dass Jeanne nicht so naiv war, die machtpolitischen Aspekte nicht zu sehen. Sie hat sich immerhin monatelang gegen hochgebildete Kleriker verteidigt, und zwar oft mit einer bestechenden Argumentationsfähigkeit. Eine innere Zerrissenheit zeigt sich, wenn man dies nach 500 Jahren überhaupt noch unterstellen kann, vlt. am ehesten in der Rücknahme ihres Widerrufs, zeigt sich generell in schnell wechselnden Entscheidungen. Gegen eine Zerrissenheitnin der Tat spricht, dass sie ansonsten sehr kompromisslos ihren Weg ging.

  • #15

    Beppo (Sonntag, 24 April 2016 15:14)

    Im ersten Punkt sehe ich das genauso, dass die Machtausübung letztendlich ein Bummerang war, der das "Böse" in der damaligen Rechtsprechung aufzeigte.
    Zu Hus habe ich sofort in mir Widerstand gespürt: Er wollte nicht Erfolg haben und der stellte sich nicht ein. Er wollte nur die Missstände der Institution Kirche aufzeigen und stellte sich offen gegen die Kleriker. Machtpolitisch war das sein Untergang. Er war offene ielscheibe geworden. Sein Zweck war nicht der Erfolg, schön und grausam zugleich. Luther hatte, wie schon erwähnt, mehr Glück, vielleicht war er auch schlauer.
    Liebe Grüße Beppo

  • #16

    Beppo (Sonntag, 24 April 2016 15:45)

    Ergänzen mag ich noch: Luther kam noch der Buchdruck zu Gute, Hus hatte keine günstigen
    Zeitgeschehnisse. Er war allenfalls ein Vorreiter, der Luther zu weiterem Glück verhalf. Die Zeitgleichheit lässt sich nun als Gottesgeschenk interpretieren, oder unbewertet als historisches Zusammentreffen.

  • #17

    Richard (Mittwoch, 01 Juni 2016 16:05)

    Lieber Beppo,
    finde ich sehr treffend, dass du das mit dem Buchdruck erwähnst. Ich glaube, was damals der Buchdruck war, ist heute die digitale Revolution und das Internet. Wer weiß, ich denke, Luther hätte auch das Internet genutzt, um seine Thesen noch schneller zu verbreiten. Vielleicht gibt es ja heute auch moderne Luther und diese werden erst in späteren Zeiten als bedeutsam angesehen werden. Bei Luther kamen mehrere Bedingungen glücklich zusammen, wie sie bei Hus und Jeanne d'Arc eben unglücklich sich ergaben. Darauf hattest du ja auch hingewiesen.
    Liebe Grüße
    Richard

  • #18

    Beppo (Dienstag, 18 Oktober 2016 16:28)

    Luther hätte vermutlich alle Für und Wider des Internets gesehen, dennoch die tolle Maschine Internet im Namen Gottes genutzt. Ob er erkannt hätte, wie man im Internet eine Lawine auslöst , weiß ich nicht. Vielleicht gibt es moderne Luther, die keinerlei Skrupel haben, ihre Thesen zu verbreiten. In jedem Fall ist Geld bzw. Besitz und Macht, wie schon zu Luthers Zeiten, das Fundament einer Verbreitung.

  • #19

    Richard (Freitag, 21 Oktober 2016 19:47)

    Lieber Beppo,

    vielen Dank für deinen aktuellen Kommentar. Du hast ganz recht, die Frage nach heutigen "Luthern" zu stellen.
    Heute ist es einfacher denn je, viele Leute zu erreichen, da wird es sich erst noch zeigen müssen, ob ein paar darunter sind, die einen ähnlichen Einfluss haben werden wie der historische Luther. Auf jeden Fall denke ich wie du, dass Luther das Internet genutzt hätte. Denn schließlich hat er ja auch das damals revolutionäre Medium genutzt, den Buchdruck. Damit hat er die von dir erwähnte Lawine auch ausgelöst. Die Frage ist nur, ob er absehen konnte, wie groß die Lawine sein wird. Dass Geld eine wichtige Rolle spielte bei der Verbreitung Luthers Thesen, dass zeigen die hohen Druckauflagen. Mit Luthers Schriften ließ sich damals viel Geld verdienen. Letztlich hat dann ja Lucas Cranach ebenfalls eine Druckwerkstatt eingerichtet und Luthers Texte verkauft. Doch Luther hat davon wenig verdient, sein Interesse galt der Sache.
    Doch wie siehst du das mit modernen "Luthern"? Gibt es deiner Meinung nach welche?

  • #20

    Beppo (Freitag, 28 Oktober 2016 15:46)

    „Gott hätte andere Möglichkeiten wählen können, um seinen Sohn in die Welt zu senden, aber Tatsache ist, daß der Weg, den er dazu wählte, die jungfräuliche Geburt war.“
    So im Internet zur jungfräulichen Geburt unter
    http://dasleben.info/faq/berechtigte-einwande-gegen-die-jungfrauschaft.
    Mich stört das Wort "Tatsache", Der Autor stützt sich auf seinen Glauben an die Evangelien.
    Sie wurden von Menschen aus damaliger Zeit geschrieben. Menschen aus heutiger Zeit
    http://www.medizin-transparent.at/jungfraeuliche-empfaengnis-vielleicht-haeufiger-als-gedacht
    ist weniger zu vertrauen, aber es sind Menschen, vielleicht gibt es die jungfräuliche Geburt. Welche Aussage Verbreitung findet liegt an der jeweiligen Lobby.
    Die der Jesus-Anhänger ist größer, aber entscheidend werden die eingesparten Gelder und die damit verbundene Macht sein, die dann zu den „Tatsachen“ führen.
    Ich muss sicher nicht erwähnen, dass viele christliche Werte auch von mir gelebt werden. Dazu ist Jesus ein gutes Vorbild, mehr nicht. Doch stellt sich für mich immer mehr die Frage, ob es verantwortlich ist, mich gegen Kirche aufzulehnen. Vielleicht ging es den Evangelisten ähnlich?
    Moderne „Luther“ gibt es viele, doch welche setzen sich durch? Sind die Smartphones mit dem Buchdruck vergleichbar?

  • #21

    Beppo (Freitag, 28 Oktober 2016 16:15)

    Vergaß zu erwähnen, dass für Jeanne d'Arc wie für Luther wie für die Evangelisten wie für Viele gilt: woran will ich glauben, wie will ich leben und was brauchts dazu. Manche haben das Glück, über einige Zweifel erhaben zu sein.

  • #22

    Beppo (Samstag, 29 Oktober 2016 12:35)

    Genauer: Wie will ich leben, welchen Glauben brauchts dazu und was noch?
    wie siehst du das? Gruß Beppo

  • #23

    Richard (Donnerstag, 03 November 2016 22:24)

    Lieber Beppo,
    vielen herzlichen Dank für deine ausführliche und fundierte Antwort. Dazu möchte ich ebenfalls ausführlich antworten. Du sprichst mehrere Bereiche an, die ich allesamt lohnenswert finde, näher zu betrachten. Deshalb werde ich mir noch ein bis zwei Tage Zeit geben, meine Gedanken zu deinen Beiträgen zu sammeln, denn ich schätze unsere nun schon seit längerem dauernde Konversation sehr. Ich hoffe, dies geht für dich in Ordnung.
    Viele Grüße
    Richard

  • #24

    Richard (Sonntag, 06 November 2016 19:05)

    Lieber Beppo,

    zunächst einmal finde ich es richtig, dass du schreibst, die Evangelien sind von Menschen aus damaliger zeit geschrieben. Das ist ein wichtiger Hinweis, wie überlieferte Texte zu lesen sind, als Zeugnisse ihrer Zeit, die in ihrem Kontext und der damit verbundenen Weltsicht entstanden sind. Damit möchte ich nicht sagen, dass wir heute klüger, schlauer oder irgendwie weiter wären. Im Gegenteil, auch wir sind quasi gefangen in unserer heutigen Weltsicht. Dies ist meiner Meinung nach ein Hinweis darauf, überlieferte Texte nicht wörtlich zu nehmen und dass wir sie auch nur aus unserer heutigen Weltsicht heraus interpretieren können. Schließlich können wir uns nicht in Menschen der damaligen Zeit zurück versetzen. Entscheidend ist, wie du sagst, was als Wahrheit anerkannt wird, sei es eine Lobby oder ein vorherrschender Diskurs zu einem bestimmten Thema. Gerade in Bezug auf Religion unterliegt dieser Diskurs großen Schwankungen und vielfältigen Einflussfaktoren. Zu nennen wäre Politik, Medien und Kunst, interkulturelle Einflüsse, etc.
    Du schreibst über deinen Bezug zu Jesus und christlichen Werten und stellst dir die Frage, ob es klug wäre sich gegen die Kirche aufzulehnen. Gerade heute ist ja die Glaubensfreiheit doch sehr groß in Deutschland und durch die Postmoderne Glaube auch etwas privates und individuelles geworden, zumindest mehr als in den Jahrhunderten davor. Vielleicht geht es gar nicht darum, sich heute gegen die Kirche aufzulehnen, wie Luther damals. Vielleicht sollte man sich besser gegen internationale Wirtschaftsinteressen stemmen wie CETA und TTIP, die unter dem Kapitalismus als Religion (siehe Walter Benjamin) die Menschen verdummen und der Werteaustausch und die Wertediskussion hauptsächlich in messbaren Zahlen, sprich Geldwerten vonstatten geht. Ich denke da an die großartige Rede von Charlie Chaplin in "der große Diktator".
    Zu deiner Abschlussfrage bin ich der Meinung, dass generell, auch wieder unter dem Zeichen der Postmoderne, die Menschen nicht umhin kommen, Verantwortung für sich und ihr Leben zu tragen, auch wenn sie gläubig sind. Trotz Gott heißt dass doch nicht, dass er alle Verantwortung trägt und die Menschen von aller Schuld befreit sind. Das heißt, weil Jesus alle Sünden auf sich genommen hat bedeutet das keinen Freibrief für ein hedonistisches Leben. Ich denke, dass wir da gleicher Meinung sind, denn Jeanne d' Arc wie Luther haben Verantwortung für sich und andere auf sich genommen, jeweils mit großem Erfolg aber auch mit unterschiedlicher Konsequenz für ihr Leben.
    Grundsätzlich noch etwas zu deiner Frage bezüglich der Auflehnung gegen die Kirche: man sollte generell gegen Mißstände angehen, egal wo man sie findet, und es wäre gut, differenzierte und konstruktive Kritik an der Kirche wie auch an anderen Institutionen zu üben, aber auch nur, wenn konstruktive Kritik bedeutet, auch positive Aspekte zu sehen (natürlich nur wenn vorhanden).
    Bestimmt gibt es heute auch Luther, männlich wie weiblich, aber sie werden erst in kommenden Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten als solche erkannst werden, wir sind dazu noch zu sehr gefangen in unserer Weltsicht.

  • #25

    Beppo (Donnerstag, 10 November 2016 15:49)

    Lieber Richard,
    Ich möchte Deine Auffassungen hinterfragen und beginne mit dem Kontext „damals“
    Wir sind in unserer heutigen Sicht gefangen. Das sehe ich auch so. Dennoch gibt es Phänomene, die damals ungeklärt waren und die Existenz von Gott nahelegten. Selbstverständlich gibt es auch heute noch Phänomene, die ungeklärt sind. Und es wird immer ungeklärte Phänome geben. Die Frage nach Gott wird nie beantwortet werden können. Es ist eine prinzipielle Frage und hat nichts mit Erklärungen zu tun. Die Gottesfrage ist nicht zu beantworten, ähnlich wie die Frage: Was war vor dem Urknall. Gab es ihn überhaupt?
    Das Wort „war“ und seine Bedeutung wurde gelernt -> Jedes Baby lernt, dass Wirkung und Ursache in einem zeitlichen Kontext stehen. Es fragt sich oft, was hab‘ ich zuletzt getan?
    Der Gedanke, dass eigenhändige Erforschungen nützlich fürs eigene Leben sein könnten, führt zum Festhalten an diesem Gedanken. Dieses Festhalten ist lebenswichtig. Unwissen wird durch Glauben ersetzt.
    Hilfreich ist, dass andere vertrauenswürdige Personen im direkten Umfeld das Gleiche glauben.
    Der Gedanke, dass so etwas nützlich fürs eigene Leben sein könnte, führt wieder zum Festhalten an Gedanken. Schließlich wird Glauben durch Wissen ersetzt.
    Statistisch gesehen werden sich bald Glaubensgemeinschaften bilden. Es finden sich viele Gemeinschaften, deren Mitglieder das Gleiche glauben. Einige organisieren sich. Die Gemeinschaften werden größer oder kleiner, je nachdem, welcher Glaube als Gemeinsinn von den Mitgliedern getragen wird.
    Kontext “Verantwortung“
    Wo fängt die Übernahme von Verantwortung für sein Umfeld an? Jeanne D’Arc, Hus, Luther und die Evangelisten haben in ihrem Glauben gehandelt und aus heutiger Sicht Verantwortung übernommen. Sie glaubten an ihre Interpretationen. Eine Übertragung in die heutige Zeit ist meines Erachtens nicht möglich.
    Kontext „Charlie Chaplin“
    Seine 2 Reden im Film finde auch ich großartig. In beiden Reden erwähnt er, dass derjenige, der nicht geliebt wird, Hass in sich trägt. Damit teilt er die Menschen in solche und solche. Dies hat etwas Trennendes. Doch auch dies ist menschlich.
    Er engagiert sich für die eine Gruppe und stellt menschliche Liebe in den Vordergrund. Das entspricht meinem Denken. Die Auflehnung gegen Diktatoren entspricht meinen Emotionen. Eine Rechtfertigung mit Ratio scheint mir nicht angebracht.
    Kontext: „Wo engagieren, konstruktive Kritik nur, wo es auch Positives gibt“
    Jeder hat die Wahl, wo er sich engagiert. Das Anwachsen und Verringern und Einflussnahme darauf hat Bedeutung! Siehe Ausgang US-Wahl. Ein Aufzeigen von Fehlern Clintons trotz vieler positiver Eigenschaften hat die US-Wahl beeinflusst.
    Gegen TTIP und CETA zu arbeiten ist aus meiner Sicht wichtiger, dennoch ist es „nur“ meine Überzeugung. Ich habe gelernt. Tschüs und danke
    Beppo

  • #26

    Beppo (Donnerstag, 10 November 2016 16:10)

    Ich vergaß, zu verdeutlichen: Ratio sollte im persönlichen Bereich immer vom Herz gesteuert sein, ist allerdings zur Regelung des Zusammenlebens entfernter Menschen und in Diskursen brauchbar

  • #27

    Beppo (Donnerstag, 10 November 2016 18:44)

    Nachsatz:
    Ratio ist ein Konstrukt, als könne man die herzliche Komponente und sie isoliert betrachten. Wissen mit Herz und Ratio wird aber zum Glauben.
    Eine Wissenschaft gibt es nicht, nur eine Glaubensschaft. Wissen bezeichnet offenbar Angaben, über die eine große Gemeinschaft Konsens erzielen würde. Ein meines Erachtens wesentliches Mittel dazu ist die Reproduzierbarkeit in neuerer Zeit.

  • #28

    Richard (Samstag, 19 November 2016 09:17)

    Lieber Beppo,
    vielen herzlichen Dank für deinen facettenreichen Kommentar zu meiner Antwort.
    Ich möchte auf deinen Beitrag gerne näher eingehen und
    meinen Kommentar dieses Wochenende fertig schreiben.
    Viele herzliche Grüße
    Richard

  • #29

    Richard (Freitag, 25 November 2016 16:49)

    Lieber Beppo,

    dank dir noch mal für deine detaillierte Antwort. Auch diesmal habe ich mir etwas Zeit gelassen, um über deine Sätze nachzudenken.
    Du hast gesagt, es gibt auch heute noch Phänomene, die ungeklärt sind und dass die Frage nach Gott nie beantwortet werden kann und das dies auch nicht die Aufgabe ist. Dies erinnert mich an einen Ausspruch von Immanuel Kant. Ich glaube, er hat ihn im Kontext der Kritik der reinen Vernunft formuliert. In der Kritik der reinen Vernunft versucht er, die Frage zu klären, was kann der Mensch wissen. Dieser Bereich ist aus verschiedenen Gründen begrenzt, die ich jetzt aus Platzgründen nicht weiter ausführe. Kants Ausspruch besagt demnach, dass je exakter der Mensch weiß, was er wissen kann und was nicht, dies auch ein Hinweis ist auf den Bereich des Glaubens und von Gott. Man hat Kant vorgeworfen, er würde den Glauben in der Kritik der reinen Vernunft ausschließen und in der Kritik der praktischen Vernunft wieder reinbringen. Nach diesem Ausspruch hat er ihn nie ausgeschlossen, sondern nur die Bereiche Immanenz und Transzendenz miteinander ausgelotet. Die Menschen machen sich, wenn überhaupt, viel zu wenig klar, was sie eigentlich wissen können und was nicht und verwechseln oft Wissen mit Glauben. Dies ist meines Erachtens riskant, weil die Menschen oftmals ihre Annahmen, egal welche, nicht hinterfragen. Unwissen wird durch Glauben ersetzt, das ist eine gute Beobachtung. Wird sie nicht dann gefährlich, wenn Glauben nichts mit Spiritualität zu tun hat, sondern mit Vorurteilen und Ideologien? Du hast geschrieben, im Rahmen einer Glaubensgemeinschaft wird aus dem Glauben wieder Wissen. Ich denke, dass es sich hier um bestimmtes Wissen handelt, eben das Wissen einer Glaubensgemeinschaft, dass ihre Sicht der Welt darstellt. Habe ich das richtig verstanden?
    Das Entstehen von Glaubensgemeinschaften hat auch soziale, nicht nur spirituelle Funktionen. Ein gemeinsames Sinn- und Wertesystem schafft Vertrauen und Sicherheit. Man kann sich, wie du sagst, auf das Verantwortungsbewusstsein der anderen Mitglieder stützen.
    Dass Verantwortung auch heißen kann, gegen den Strom zu schwimmen und eine Erneuerung oder zumindest eine Reformation oder gar Revolution anzustreben, zeigen Jeann D`Arc, Hus, Luther etc., wie du geschrieben hast. Der Kreis unserer Überlegungen schließt sich in gewisser Weise, wenn du sagst, eine Übertragung ihrer Verantwortung, sprich Interpretationen und damit auch ihre Handlungen sind in die heutige Zeit nicht übertragbar.

    Ich möchte auch noch auf deine Anmerkung über das Wort war eingehen, die ich sehr interessant finde. Zeigt dein Beispiel mit dem Sprachenlernen nicht die Macht der Sprache, die mit verantwortlich dafür ist, wie wir die Welt sehen? Nehmen viele Menschen Dinge nicht zu wörtlich, ohne zu reflektieren, ob nicht die Sprache selbst die Grenzen und Möglichkeiten ihrer Wahrnehmung und ihres Denkens diktiert?
    Ist das Wort Gottes demnach wörtlich zu nehmen oder metaphorisch?
    Auf deine weiteren Gedanken werde ich noch eingehen. Bis dahin viele Grüße,
    Richard

  • #30

    Beppo (Montag, 28 November 2016 20:57)

    Lieber Richard,

    Kontext „Nehmen viele …“
    Sprache ist meines Erachtens, wie du sagst übermächtig.
    Den Satz „… zu wörtlich“ würde ich mit meinen Worten so formulieren:
    Interpretieren Menschen Worte nicht entsprechend ihren individuellen Glaubenssätzen, ohne zu reflektieren, dass die Worte selbst und deren Assoziationshof ihre aktuelle Wahrnehmung bzw. ihr Denken diktieren. Ich hoffe, wir treffen uns in dieser Ansicht.
    Worte in Gottesschriften wie auch das Wort Gottes werden m. E. immer individuell interpretiert. Oft wird nach Antworten zu Zweifelsfragen gesucht. Meistens kommt es nicht einmal zu einem Zwiegespräch, sondern zu einem inneren Dialog, in dem es nur Fragen gibt, die selbst aufgeworfen und möglichst beantwortet werden. „möglichst“ heißt: es wird aufmerksam geschaut, ob nicht ein Erlebnis diese Frage klären könnte. Welche Klärungen als tauglich angesehen werden, hängt oft von der verfügbaren Zeit und den Vertrauensgesten der Mitmenschen ab.
    (Deine Frage, wörtlich zu nehmen oder metaphorisch?)
    Der Unterschied zwischen wörtlich und metaphorisch ist von Menschenhand (von Köpfen) konstruiert, es gibt ihn meines Erachtens nur theoretisch.

    Kontext „Glauben durch Wissen ersetzt“ (Deine Frage)
    Ich hätte schreiben sollen menschengemachtes vermeintliches Wissen, dann erübrigt sich hoffentlich Deine Frage.

    Kontext „Kritik der reinen Vernunft“
    Die Frage „Was kann ich wissen“ kann maximal soweit gesichert geklärt werden, soweit die Annahmen gesichert sind. Welche Annahmen als gesichert erscheinen, ist besonders in Gottesfragen sehr individuell.
    Bei Beobachtungen der Natur ist man schon besser dran. Da kann eine Gemeinsamkeit besonders wegen der neuzeitlichen Reproduzierbarkeit auf verschiedensten Erdteilen, ggf. mathematisch unterlegt,
    immer wieder erlangt werden. Insbesondere der Vergleich von verschiedenen Ergebnissen weckt Diskurse.
    Menschen müssen m.E. aushalten, dass sie nur über wenig gesichertes Wissen verfügen. Damit lässt es sich gut leben, denn das Wort „wenig“ ist ein relativer Begriff. „Wenig“ im Vergleich zum unendlichen Unwissen ist „viel“ im Vergleich z.B. zu einer festen Zahl.
    Auf die Begriffe Immanent und Transzendent ging Kant vermutlich deshalb ein, um auch Kleriker zu befrieden. Vermutlich fand er dies wichtig. Er hatte auch das Ziel verfolgt, viele Menschen anzusprechen. Und er wollte durch seine Philosophie meines Erachtens Menschen in ihrem Tun bewegen.
    „Praktisch“ ist in meiner naiven Vorstellung auch Glauben, der als Wissen interpretiert wird. Deshalb ist es auch nicht gut, nur Geistiges zu tun, sprich zu philosophieren. Praktisch ist ein Schluss zu finden und ggf. Glaubensfragen nicht ständig zu hinterfragen.

    Kontext „Habe ich das richtig verstanden?“ Ja.

    Kontext „sondern mit Vorurteilen und Ideologien?
    „Vorurteil“ ist ohnehin wie das Wort „Aberglaube“ ein Begriff, den zwei Kontrahenten nach ihrer jeweiligen Auffassung auslegen. Inhaltliche Unterschiede stellen sie ohnehin an anderer Stelle fest (Oder auch nie). Ideologien sind immer im Weg, aber auch
    Spiritualität kann gefährlich sein, wenn Anhänger sich verbünden und sich damit abgrenzen von den Anderen.

    Lieber Richard, als ich bei meinen vorhergehrigen Beiträgen Gedanken niederschrieb, wollte ich mich nicht mehr mit diesem Thema beschäftigen. Doch heute Abend, nachdem ich deine Worte las, hat es mich doch bewegt, noch mal einzusteigen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich es angenehm finde, wenn du Dich so ausgiebig mit meinen Gedanken befasst. Einem Diskurs, an dem ich lernen möchte. Du hast auch vieles angesprochen, was ich genauso sehe.
    Liebe Grüße, Beppo

  • #31

    Beppo (Montag, 28 November 2016 22:21)

    Wie schon fast üblich ein Nachsatz:
    Theoretisch ist das Ersetzen von Unwissen durch Wissen in Gottesfragen unsinnig, praktisch tut es gut.
    Beppo

  • #32

    Beppo (Dienstag, 29 November 2016 09:23)

    Denn durch praktisches Verhalten wird der Mensch im Menschen-Wolf angesprochen (Der Mensch ist des Menschen Wolf). Ein gutes Echo kommt und tut gut. Entscheidend ist nicht, woran man glaubt, vielleicht liegt man falsch, aber dass man sich öffnet und einigen Menschen tiefen Einblick gewährt, führt zu einem guten Echo. Beppo

  • #33

    Richard (Sonntag, 11 Dezember 2016 17:45)

    Lieber Beppo,
    vielen Dank, dass du doch noch wieder eingestiegen bist.
    So kurz vor Weihnachten ist nicht nur viel los, weswegen ich auch etwas später antworte, sondern auch eine Zeit, in der die Frage nach Gott und Glauben schon quasi terminlich aktuell wird. Da hätten wir noch einmal die Frage nach der Reflektion in Bezug auf Glauben, persönlich-individuellen Ansichten, den sprachlichen Diskursen und den verschiedenen gesellschaftlichen Normen und Werten, die sich meiner Meinung nach auch an Weihnachten treffen. Dass der Anlaß, sprich Weihnachten, ein solcher zum Konsum und meist familiär-geselligen Beisammensein darstellt und bei den meisten Menschen (das unterstelle ich jetzt einfach mal anhand meiner Beobachtung) der christliche Ursprung oder der Bezug zu Glauben nicht oder nicht mehr existiert, scheint mir ein Signum unserer zeit zu sein. Du erinnerst dich, wir hatten uns unterhalten darüber, wie in unterschiedlichen Zeiten und Epochen Dinge wahrgenommen werden, sei es nun Glaube, die Bibel-Auslegung, oder auch das Luther-Bild. Ich denke, da stimmen wir überein, wie auch in der Frage nach der macht der Sprache generell. Danke auch, dass du noch einmal auf Kant eingegangen bist und der Formulierung "praktisch". Das ist meines Erachtens das Übel unserer Zeit, dass das "praktische" alles beiseite schiebt, den Egoismus und den blinden Aktionismus fördert und die notwendige Reflektion auf persönlicher wie auch auf gesellschaftlicher Ebene verdrängt. Aber ist es nicht das, was Luther gemacht hat? Hat er nicht die Bibel auch deswegen ins deutsche übersetzt, damit die Leute nicht nur passiv und verständnislos den Riten der autorisierten Pfarrern und Bischöfen und Mönchen zusehen, sondern dass sie selbst lesen, selbst denken und selbst sich eine Meinung bilden. Du sprachst von Antworten in Zweifelsfragen und dass es von den Mitmenschen abhängt, inwieweit man im Austausch mit ihnen zu Antworten kommt. Hattest du es so gemeint? Ich habe es zumindest so verstanden. Ich sehe die Gefahr im Populismus (ein Begriff, der mittlerweile so inflationär und unreflektiert gebraucht wird wie das Wort Bildung) darin, dass sich die Leute nur mit solchen austauschen, von denen sie wissen, dass sie bestätigt werden und dass die meisten Leute nicht wirklich in einen Dialog treten (von dem du in Bezug auf den Glauben sprachst) mit Andersdenkenden, konträren Positionen, sondern dass es nur darum geht, "Dampf abzulassen", sein populistisches, klar definiertes Schwarz-weiß- Weltbild zu verteidigen und nicht zu bemerken, dass es die eigenen Komplexe sind, die eigenen Ängste, Schwächen und unerfüllten Wünsche, die auf andere, meist Randgruppen, projiziert werden. Das schweift vielleicht etwas ab, aber in Bezug auf die Frage, ob Luther heute noch Relevanz hat, glaube ich, kann er uns diesbezüglich auch zeigen, dass verknöcherte Strukturen und reaktionäre Denkmuster nicht bei allen Menschen vorhanden sind (es gibt also Hoffnung trotz AFD und Trump) , schließlich fand Luther schnell viele Anhänger und Friedens- und Öko-Bewegungen gibt es auch heute viele, auch in den USA, und dann kann er uns auch zeigen, dass Veränderungen demokratischer Art (dafür halte ich die Bibelübersetzung ins deutsche und das "Posten" der Thesen) auch von Einzelnen oder Wenigen ausgehen können, also basisdemokratisch.
    Das wären meine Gedanken zum jetzigen Zeitpunkt zu deinen Beiträgen. Sicherlich können wir nicht auf alle unsere Gedanken gegenseitig eingehen, aber ich denke, einige stehen auch einfach für sich und verlieren dadurch nicht ihre Aussagekraft.
    In diesem Sinne hoffe ich auch wie du an ein gutes Echo, wenn wir uns öffnen und sagen, was wir denken. Das ist ja Demokratie im grundlegendsten Ansatz.
    Liebe Grüße
    Richard

  • #34

    Beppo (Dienstag, 20 Dezember 2016 22:39)

    Lieber Richard,

    ich bediene mich gerne der religiösen Rituale und feiere sie gerne im Familienkreis, möchte mich aber vom Konsum lösen. Das beginnt schon damit, dass ich meine kleinen Geschenke in Zeitungspapier einpacke, dennoch mit bereits verwendeten Schleifchen versehe (Ohne Kommerz gäbe es keine alten Schleifchen; ohne Kirche kein Weihnachten). Damit liege ich zwar nicht im neudeutschen mainstream, rücke aber auch vom kirchlichen Glauben ab und trage zum Signum der Zeit bei.
    Die aktuelle Epoche ist auch für mich fast alleine maßgeblich. Der christliche Ursprung oder der Bezug zu Glauben existiert auch bei mir nicht mehr.
    Doch in der westlichen Welt werden Glaubensstrukturen hinsichtlich ihrer Vermarktungsmöglichkeiten interpretiert und das entsprechende Angebot unterbreitet.
    Alle Konsumgüter werden von den Verbrauchern eingeteilt in brauchbar, bezahlbar, billig, teuer, usw. . Viele Menschen werden damit zum reinen Konsum gelockt, das Angebot nutzt und befriedigt allerdings den natürlichen Drang des Menschen zum geselligen Beisammensein.
    Kirchliche Einrichtungen tun das Gleiche auf ihre Art. Christlicher Glaube wird angesprochen. Er versieht viele Vorgänge mit den Attributen „gut“ und „böse“. Kirchliche Einrichtungen fördern die Aufführung der Weihnachtsgeschichte, beeinflussen Glaubensätze ect.. Wieder wird der natürliche Drang des Menschen zum geselligen Beisammensein genutzt, um Glaubensätze zu verbreiten.

    Übrigens: Die Kategorien „gut und böse“ sollten aus meiner Sicht durch „geeignet“ und „weniger geeignet“ ersetzt werden. Die Begriffe „günstig“ und teuer“ durch „erschwinglich“ und „unwert“.

    Du verwendest das Wort „praktisch“ anders, als ich das tun würde. Wo Du das Wort „praktisch“ gebrauchst, würde ich „gewohnt“ oder „oft getan“ verwenden. Für mich ist „praktisch“ das, was sich aus Menschseins-Sicht sichtlich amortisiert, obgleich die Früchte oft noch nicht zu sehen sind.

    Luther hat aus meiner Sicht Samen gesetzt.
    (Meine Verwendung von „praktisch“. Leider sind Begriffe wie „amortisiert“, „rentiert“, „bewährt“, „inflationär“ der Finanzwelt entliehen. Entsprechende Begriffe aus der Seins-Welt sind mir noch ungeläufig. Ich würde lieber solche Begriffe verwenden. Vielleicht ist der Begriff „nachhaltig“ besser, obgleich er in vieler Mund ist.)


    Dialoge mit Mitmenschen zu Zweifelsfragen sind, wie Du es vermutet hast, aus meiner Sicht meist angebracht.


    Kontext „Ich sehe die Gefahr … projiziert werden“ Das sehe ich auch so.

    Luther versuchte, viele Menschen zu bewegen. Er wusste nicht, dass er mit den vielen wirtschaftsgesteuerten Versuchungen in jeder Epoche konkurrieren muss. Ob seine Übersetzungen heute noch ansprechend sind, liegt auch an der Konkurrenz. Sie ist besonders in der finanziell geprägten Welt stark. „Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt“, diese Aussage stammt von einem jungen Gewinner eines Poetry Slams.

    Dass Luthers Bemühungen auch demokratische Interpretationen erfahren werden, ahnte er nicht.

    Demokratie lebt m.E. davon, dass viele Menschen mitreden können, doch die Mittel dazu sind gering. Tatsächlich regiert die Finanzwelt / Wirtschaft.

    Es freut mich, dass Du an dem Stück „Martin Luther King“ arbeitest, es basiert auf einer späteren Epoche. Das wirkt sich bestimmt gut aus, da die Zuschauer auf Denkmuster zurückgreifen, die ihrer Realität mehr entsprechen. Sie brauchen sich nicht in das Denken früherer Epochen versetzen.

    Schöne Weihnachten, Beppo

  • #35

    Richard (Montag, 02 Januar 2017 21:34)

    Lieber Beppo,

    dank dir. Ich hoffe du hattest ebenfalls schöne Weihnachten und wünsche dir ein frohes neues Jahr.
    Die Weihnachtsfeiertage habe ich genutzt für eine low information diet, um im neuen Jahr mit neuem Elan auf deinen Blogkommentar zu antworten. Bevor ich in einer weiteren Antwort auf die Themen eingehe, die du weiter unten geschrieben hast, möchte ich auf das Thema Konsum eingehen. Finde dein Ansatz geistreich und originell, wie du Weihnachtsgeschenke einpackst. Du konterkarierst quasi die Erwartungen, ohne wirklich zu enttäuschen, denn auf die Geste kommt es an. In früheren Jahren hatte ich Weihnachten immer mehr abgeschworen und auch einmal es ganz ausgesetzt. Der Sinn dafür war mir abhanden gekommen. Vielleicht ist es einfach eine Gelegenheit, zu zeigen, dass man jemandem etwas gutes tun möchte. Vielleicht magst du sagen, dafür benötigt man kein Weihnachten. Das stimmt auch, und die Tatsache, dass das Weihnachtsgeschäft eine so zentrale Rolle im Wirtschaftsleben spielt sollte ein Grund sein, es neu zu überdenken oder gar abzuschaffen. Doch es ist keine Sinnentleerung von Weihnachten im Konsum, er gibt dem Anlaß nur einen anderen Sinn. Walter Benjamin würde in Anlehnung an Karl Marx sagen, einen spirituellen Mehrwert, der den reinen Gebrauchswert übersteigt und somit den religiösen Hintergrund von Weihnachten neu definiert. Die Religion des Konsums mit ihrer Warenanbetung in Kaufhaustempeln ersetzt den christlichen Wertekanon.

    Zu den anderen Themen wie gesagt die Tage mehr.
    Liebe Grüße
    Richard

  • #36

    Dia Mohn (Donnerstag, 02 Februar 2017 03:11)


    Hi there! I know this is kinda off topic however , I'd figured I'd ask. Would you be interested in exchanging links or maybe guest authoring a blog article or vice-versa? My website goes over a lot of the same subjects as yours and I think we could greatly benefit from each other. If you're interested feel free to shoot me an email. I look forward to hearing from you! Superb blog by the way!

  • #37

    Edison Bentz (Donnerstag, 02 Februar 2017 21:00)


    No matter if some one searches for his vital thing, thus he/she wishes to be available that in detail, so that thing is maintained over here.

  • #38

    Latoyia Didonato (Samstag, 04 Februar 2017 09:50)


    For most up-to-date information you have to pay a quick visit internet and on web I found this site as a most excellent site for latest updates.

  • #39

    Terrell Felipe (Sonntag, 05 Februar 2017 06:18)


    I loved as much as you will receive carried out right here. The sketch is tasteful, your authored material stylish. nonetheless, you command get got an shakiness over that you wish be delivering the following. unwell unquestionably come further formerly again since exactly the same nearly a lot often inside case you shield this hike.

  • #40

    Dia Mohn (Montag, 06 Februar 2017 06:11)


    What's up everybody, here every one is sharing such experience, thus it's good to read this website, and I used to pay a visit this weblog every day.

  • #41

    beppo (Freitag, 21 Juli 2017 21:18)

    Was für ein Quatsch, hier Geld verdienen zu wollen